Waldnaher Weihnachtsbaumanbau - was heißt das?

Unser Ideal ist die Waldlichtung: Große Bäume wirken wie ein Sonnenschirm und schützen vor Wind. Sie bieten Vögeln hervorragende Nistmöglichkeiten und uns wertvolles Tannengrün und Holz. Jungbäume und Bäume im verkaufsfähigen Alter lassen Platz für vielfältigen Bewuchs: neben Gräsern sind es vor allem Wildstauden, Blumen und Mose, die hier gedeihen.

Bei uns wachsen daher verschiedene Baumsorten und -Herkünfte in unterschiedlichen Altersklassen „quer Beet“ und werden von uns weitgehend „in Ruhe gelassen“. Wir nennen das waldnahen Weihnachtsbaumanbau.

Wir haben immer offene Augen und Ohren und wollen die Maximen der Agrarökologie mit unseren eigenen Erfahrungen verbinden, um an unserem Standort für alle maximalen Nutzen zu erreichen: Umwelt, Mensch und Tier.

Wir produzieren nicht, wir bauen an – das ist ein wichtiger Unterschied. Wenn wir im Frühjahr den Spaten in die Hand nehmen, dann entscheiden wir, wo der neue Setzling zu einem stattlichen Weihnachtsbaum heranwachsen soll. Für das Wachstum selbst sind jedoch die unzähligen komplexen Prozesse der Natur zuständig, die wir nach Kräften unterstützen – auch, indem wir möglichst wenig eingreifen.

Regionalität ist Trumpf. Vor Ort vielfältigen Lebensraum schaffen – auch für die Menschen: Unser „Beobachtungsfeld“ mit dem darauf befindlichen „Rachel-Carson-Weg“ ist für Sie das ganze Jahr über frei zugänglich. Die von uns eingerichtete Benjeshecke ist als Maßnahme zum Biotopverbund gedacht und entwickelt sich gerade zu einem ganz eigenen, vielfältigen Lebensraum. Auf dem Feld haben Sie den Sommer über Gelegenheit, Bienen bei der Arbeit zuzusehen. Derzeit 7 Bienenvölker bereichern mit Ihrer Bestäubungsleistung die umliegende Pflanzenwelt. Darüber hinaus wirken sie als Umweltspäher: Wenn die Bienen aufgrund von Pestizideinsätzen sterben, sind wir die Nächsten.

Kein Chemieeinsatz

Keine schwere Technik sondern vor allem Beobachtung und Handarbeit - mit der Natur statt gegen sie, so verstehen wir unsere Arbeit.

Wir setzen keine Agrochemikalien ein und sehen dies nicht als Verzicht, sondern als Gewinn für alle Seiten. Die von der Chemieindustrie als „Pflanzenschutzmittel“ bezeichneten Chemikaliengemische sind in jedem Fall Gifte, die mit dem Ziel ausgebracht werden, einen bestimmten Schadorganismus zu Fall zu bringen. Wir bemühen uns, nicht zwischen Schädling und Nützling zu differenzieren, sondern wollen intakte, d.h. ausgeglichene und vielschichtige Lebensräume schaffen. Wo keine Monokultur, dort auch keine grenzenlose Expansion eines Schädlings. 100 % der angebauten Bäume auch verkaufen zu wollen, ist illusorisch. Wenn sich also Tannenrieblaus und Co. an einem Baum gütlich tun, dann hat das einen Grund: der Baum ist geschwächt und die biologischen Gegenspieler der Läuse auch … .

Unkrautbekämpfung? Mähen in Maßen

Auch was das Unkraut angeht, denken wir um: Jede Pflanze, die den Boden bedeckt, Sonnenlicht in Biomasse umwandelt und anderen Organismen ein Zuhause bietet, erfüllt wichtige Aufgaben. Wir streben an, eine variantenreiche Flora und Fauna zu etablieren um ein in sich stabiles und robustes Ökosystem zu gewährleisten. Die auch im Weihnachtsbaumanbau dogmatisch propagierte Idee, das Unkraut würde den Bäumen Licht, Wasser und Nährstoffe wegnehmen, ist schlichtweg falsch. Gerade in jungen Jahren freuen sich die Bäume über Schatten und profitieren vom feuchten Mikroklima, welches sich im Bewuchs einstellt. Wachsen sie heran, benötigen sie mehr Licht, welches sie sich „erarbeiten“, indem sie über die Beikräuter hinaus wachsen. Ihr Leben lang profitieren sie dabei von Ihren Nachbarn, denn Beikräuter

  • schützen den Boden vor Erosion und schaffen ein günstiges oberirdisches Mikroklima
  • ernähren durch ihre Wurzeltätigkeit die Bodenlebewesen und erhöhen damit die Bodenfruchtbarkeit
  • nutzen die Energie der Sonne und speichern diese in ihrer Biomasse, die von den Bodenorganismen in Humus verwandelt und damit gespeichert wird
  • bieten Tieren Nahrung, Unterschlupf und Baumaterial.

Daher:

  • mähen wir zwischen den Bäumen flächendeckend in der Regel nur 1-2 Mal im Jahr, und zwar im Spätherbst vor der Verkaufssaison - nichtsdestotrotz gibt es ein dichtes Netz an "wilden Ecken", die weder Motorsense noch Säge sehen
  • treten wir zwischenzeitlich Kräuter unter den Bäumen nur nieder – die sich bildende Mulchschicht unterdrückt den weiteren Aufwuchs von Beikraut
  • mähen wir „Problempflanzen“ wie Disteln nur lokal und erst nach deren Blüte
  • mähen wir die Wege innerhalb der Plantage so wenig wie möglich und umfahren dabei die reichlich vorhandenen Blüher.

Die Wurzel bleibt im Boden

Jedes Jahr bleiben nach dem Weihnachtsbaumverkauf hunderte Baumstubben zurück. Bei Weihnachtsbaum-Monokulturen werden oft ganze Felder in einem Zug „abgeräumt“, denn der Produzent möchte im nächsten Frühjahr wieder maschinell pflanzen. Daher werden die Stubben unter hohem Energieaufwand gerodet und in der Regel geschreddert. Der Boden ist dann „schwarz“ und im nächsten Frühjahr werden die Setzlinge mit Maschineneinsatz großflächig gepflanzt.

Der Vorteil dieser Arbeitsweise liegt darin, mit wenig personellem Aufwand auf großer Fläche anbauen zu können. Die Nachteile sind jedoch gravierend: Werden große Flächen gleichzeitig umgebrochen, wird der natürliche Lebensraum innerhalb kurzer Zeit „umgekrempelt“. Die schwarze, d.h. vegetationslose Erde leistet Bodenerosion Vorschub. Die Neuanpflanzung erfolgt also nicht in ein stabilisiertes und sich nur langsam veränderndes Ökosystem, sondern in einen „Neuanfang“, der zunächst einer Mondlandschaft gleicht.

Gerne wird in der Fachliteratur von der allgegenwärtigen Konkurrenz um Nährstoffe, Wasser und Licht gesprochen und damit das Totspritzen von Unkraut legitimiert.

Wir haben zum Glück andere Erfahrungen machen dürfen: Wir entfernen Stubben nicht, sondern belassen sie als natürlichen Dünger im Boden. Wir pflanzen jeden Baum einzeln mit Spaten. Das ist zwar anstrengend, gibt aber einen guten Einblick in die örtliche Flora und Fauna und bringt uns „dem Baum näher“. Die Setzlinge werden durch eine Mulchscheibe vor direkter „Konkurrenz“ durch Beikräuter geschützt. Ansonsten freuen sich junge Nadelbäume über Schatten und ein mittelfeuchtes Mikroklima. Dieses Mikroklima stellt das von uns nur 1-2 Mal im Jahr gemähte Beikraut zur Verfügung. Die umliegenden größeren Nadelbäume spenden Schatten und sorgen mit ihrem umfassenden Wurzelwerk für eine gute Nährstoffversorgung und Wasserführung. Denn: Wurzeln nehmen nicht nur, sondern bilden eine Partnerschaft auf Augenhöhe mit dem Bodenleben.

Bis auf die Pflanzung der Jungbäume greifen wir also nicht in den Boden ein. Das verhindert effektiv Bodenerosion und Humusabbau.

Vielerorts werden Plantagen nach dem Verkauf der Bäume vollständig "beräumt". Auf unserer Plantage jedoch agieren unsere Weihnachtsbaumkunden als Diversitätstifter: Wo Sie dieses Jahr einen Baum absägen (lassen), pflanzen wir im Frühjahr einen Steckling einer anderen Sorte und Herkunft. Damit unterliegt der Bewuchs der Plantage einer stetigen Veränderung, was den Aufbau einer vielfältigen Flora und Fauna unterstützt.

Nachdem der Baum gesägt wurde, verbleibt seine Wurzel und damit die in ihr gespeicherten Nährstoffe und Mineralien im Boden. Der neu gepflanzte Baum kann im Laufe der Jahre darauf zugreifen, da Pilze und Kleinstlebewesen ganze Arbeit leisten, um den alten Wurzelstock aufzuschließen und zu verwerten. Im besten Fall können die Wurzeln des neuen Baumes die Erdkanäle der alten Wurzel gleich mit nutzen. Auch die wichtigen Pilzsymbiosen, beispielsweise mit Mykorriza-Pilzen, können so von Generation zu Generation weitergegeben werden. 

Kein Kunstdünger

Von uns wird kein Stickstoffdünger ausgebracht, dies auch aus gutem Grund: Neben der schlechten Ökobilanz der Stickstoffdüngerherstellung (Energieeinsatz) hat lebloser Stickstoff nachteilige Wirkung auf die Bodenfruchtbarkeit. Im Humus eingelagerte Nährstoffe werden regelrecht chemisch verbrannt und in klimaschädliche Gase verwandelt. Die nachhaltige Stickstoffversorgung gelingt unter anderem durch Anbau von Leguminosen – Pflanzen, die den in der Luft vorhandenen Stickstoff in ihrer Biomasse binden können.

Da die Sonne die einzige nachhaltige Energiequelle ist, versuchen wir, deren ganzjährige Nutzung nicht zu behindern: Alles, was bei uns wächst und gedeiht, ist gespeicherte Sonnenenergie. Das gilt für die Weihnachtsbäume ebenso wie für die Beikräuter. Die Biomasse der Beikräuter wird von Bodenorganismen in Humus verwandelt, der den Weihnachtsbäumen als Nährstoffquelle dient.

Nichtsdestotrotz verlassen unsere Plantage jedes Jahr viele hundert Bäume, was für einen kontinuierlichen Biomasseverlust sorgt. Wir arbeiten daran, die Humusbilanz zu verbessern … .

Humusaufbau, Kohlenstoffbindung und Schadstofffilterung

Auf der Plantage ist jeder Quadratzentimeter mit Leben bedeckt. Auch das ist ein großer Unterschied zum chemiegetriebenen Anbau: Wo Herbizide (Unkrautvernichter) zum Einsatz kommen, leidet nicht nur das Unkraut, sondern auch der Boden. Es fehlt schlicht an Pflanzen, die über ihr Wurzelwerk und dessen Ausscheidungen das Bodenleben erst ermöglichen. Statt steril schwarz gespritzter Reihen ist bei uns Grün die Farbe aller Farben.

Die gedeihende Biomasse sammelt durch Photosythese das ganze Jahr über CO2 aus der Luft und bindet dieses langfristig. Dadurch, dass wir die Wurzeln im Boden lassen und für ganzjährigen, vielfältigen Bewuchs sorgen, bindet die Plantage durch Humusaufbau nachhaltig CO2 aus der Luft.

Nadelbäume weisen aufgrund der zigtausenden Nadeln eine große Öberfläche auf, die sehr effizient Staub und Schadstoffe aus der Luft filtert.

Und die Schädlingsbekämpfung?

Zunächst: was ist überhaupt ein Schädling – gibt es böse Organismen, die uns Menschen etwas wegnehmen wollen?

Das Ziel muss es sein, eine ökologische Umgebung zu erlauben, in welcher sich Nützling und Schädling gleichermaßen zu Hause fühlen und sich dadurch gegenseitig regulieren. Wir sind auf dem besten Weg dorthin: Neben unserem Engagement gegen die Vergiftung der Äcker durch synthetische Pestizide, lassen wir gezielt Unordnung zu und erhöhen die Vielfalt an Flora und Fauna durch die Anlage von Hecken, Streuobstbereichen und Bienenweiden.

Gelöschten Kalk (Calciumoxid) setzen wir noch ein, um die Ausbreitung von Blattläusen bei starkem Befall zu verhindern. Blattläuse und andere saugende Insekten können sich jedoch nur dann ungehemmt ausbreiten, wenn sowohl ihre Gegenspieler als auch ihr Zielobjekt durch äußere oder innere Einflüsse geschwächt wurden. Wir sehen in den flächendeckenden Ackergiftausbringungen die Ursache für diese Ökosystemstörung. 

Kalk wirkt im Kontakt mit Wasser für wenige Minuten stark basisch. Die an der Blattunterseite fressenden Blattläuse werden dadurch verätzt oder zumindest geschwächt. Nachdem der Kalk mit dem Kohlendioxid der Luft reagiert hat, entsteht Kalkstein (Calciumcarbonat), der dem Blatt als Mineralquelle dient. Obgleich Branntkalk nur für kurze Zeit wirkt, die Wirkung jedoch nicht selektiv ist, handelt es sich um einen gravierenden Eingriff in die tierische und pflanzliche Lebensgemeinschaft. Daher wird Kalk von uns nur selektiv, d.h. nur an besonders betroffenen Koniferen, eingesetzt. Für die Ausbringung nutzen wir eine getragene Gebläsespritze. Hier finden Sie weitere Informationen zu diesem Verfahren.

Und was passiert mit dem, was übrigbleibt?

Jedes Jahr fallen bei uns große Mengen an Schnittgrün von Hecken und Weihnachtsbäumen an. Wir verbrennen dies nicht, sondern nutzen es zum Aufbau weiterer Benjeshecken und geschreddert als Strukturmaterial zur Kompostierung und Bodenverbesserung. Mittelfristig wird noch die Pyrolyse hinzukommen, mit welcher sich umweltfreundlich Holzkohle zur Bodenverbesserung und Kohlenstoffbindung herstellen lässt.

Warum (noch) kein Bio-Zertifikat?

Biosiegel spielen eine wichtige Rolle auf dem Weg zu einer enkeltauglichen Gesellschaft – sie schaffen Vertrauen zwischen territorial weit entfernten Verbrauchern und Erzeugern. Die für die Zertifizierung notwendigen häufigen Kontrollen werden durch die Vermittler, die Bio-Anbauverbände, durchgeführt.

Warum haben wir uns zunächst gegen die Bio-Zertifizierung entschieden?

Einen großen Abstand zwischen Ihnen und uns gibt es nicht, schließlich bauen wir unsere Bäume nicht auf einem anderen Kontinent an, sondern bei Ihnen vor der Haustür. Daher legen wir Wert darauf, dass Sie sich vor Ort und zu jeder Zeit über die Anbauweise informieren können: der persönliche Eindruck, der Kontakt zu unserer Art der Landwirtschaft ist uns wichtig. Bereits von außerhalb des Zauns können Sie einen Blick wagen: von zwei Seiten aus kann der Tannenhof bewandert werden: östlich über den von uns 2015 angelegten Rachel-Carson-Weg und westlich an unserem Streuobsthang.

Darüber hinaus bieten wir Nachmittage des offenen Hoftors an, an denen Sie bei Führungen durch die Plantage allerlei Spannendes über Flora und Fauna erfahren können.